Das Mess-Sheet
Seit Folge 7 prüft das Lagerfeuer-Gespräch in jeder Ausgabe ein Anbieterversprechen: wörtlich zitiert, gegen die Messung dahinter gehalten. Diese Seite führt jeden Befund und jede terminierte Prognose öffentlich nach. Fällige Prognosen lösen wir in der Sendung auf, eingetreten oder nicht.
Nachgemessene Versprechen
| Nr. | Versprechen (wörtlich) | Messart der Quelle | Gegenmessung | Befund | Folge |
|---|---|---|---|---|---|
| M1 | Microsoft 365 Copilot spart 26 Minuten pro Tag (britischer GDS-Test, 20.000 Beamte; Microsofts eigene Umfrage unter 1.300 Nutzern nennt im Schnitt 14 Minuten) | Befragung, Selbstauskunft („self-reported") | Microsoft-koautorierte Kontrollgruppen-Studie mit Telemetrie (66 Firmen, 7.137 Beschäftigte): rund 2 Stunden weniger E-Mail-Zeit pro Woche, kein belegter Gesamtgewinn. Britisches Handelsministerium DBT, beobachtete Arbeitssitzungen: „did not find evidence that time savings have led to improved productivity". | unbelegt | 7 (02.09.2026) |
| M2 | „Eine ca. 2,5-minütige Dokumentation per Mitschreiben dauert mit KI nur noch ca. 30 Sekunden. Dies entspricht einer Zeitersparnis von bis zu 80 Prozent." (Doctolib, Pressemitteilung vom 13.02.2026, zum KI-Sprechstundenassistenten) | Interne Erhebung des Anbieters mit über 500 eigenen Kundinnen und Kunden, September bis November 2025. Die Messmethode ist weder in der Mitteilung noch auf den öffentlichen Produktseiten auffindbar (zwei getrennte Suchwege am 08.09.2026). | Rotenstein et al., JAMA 2026;335(16):1408-1417: 8.581 ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte an fünf Universitätskliniken, davon 1.809 Anwender, gemessen aus Protokolldaten des Aktensystems (Telemetrie). Dokumentationszeit minus 16,0 Minuten je acht geplante Patientenstunden, das sind minus 11,7 Prozent. Gesamtzeit im System minus 3,3 Prozent. Arbeit nach Feierabend ohne signifikante Veränderung. | unbelegt | 8 (09.09.2026) |
| M3 | „Kommerziell sicher" (Adobe, Etikett über den Adobe-Modellen auf der deutschen Produktseite von Firefly). In der FAQ derselben Seite: „Adobe Firefly-Modelle sind für die kommerzielle Nutzung geeignet", begründet mit Training auf lizenziertem Content von Adobe Stock und gemeinfreiem Content. | Werbeaussage mit Begründung über die Trainingsdaten, keine Messung im engeren Sinn. Gegengehalten wird deshalb der Vertragstext. | Adobe Generative AI Product Specific Terms, gültig seit 23.04.2026: Gewährleistungsausschluss auch dafür, dass Ergebnisse keine Rechte Dritter verletzen (Ziffer 3.1). Freistellung nur für Teams- und Enterprise-Kunden in bestimmten Tarifen (Ziffer 8), ausgeschlossen unter anderem bei Bearbeitung und Kombination mit anderem Material (Ziffer 8.3), gedeckelt auf 10.000 US-Dollar je Ergebnis oder Anspruch (Ziffer 8.4). Laut Produktbeschreibung vom 27.08.2026 nicht für Modelle anderer Hersteller und nicht für Beta-Funktionen; Musik seit 13.07.2026 ausdrücklich abgedeckt. Zum Vergleich Suno (Nutzungsbedingungen gültig seit 03.09.2026): keine Zusage, dass die Nutzung keine Rechte Dritter verletzt, Freistellung zugunsten von Suno. | nur unter Bedingungen | 9 (16.09.2026) |
| M4 | „Laut der Bitkom-Erhebung 2026 setzen inzwischen 41 Prozent der Unternehmen in Deutschland KI aktiv ein, weitere 48 Prozent planen den Einsatz. Vor zwei Jahren waren es 17 Prozent." (Frank Wichert, Manuskript „Führung, Verantwortung und der KI-Dschungel", Stand Juni 2026, Kapitel 1). Diesmal kein Anbieter, sondern das eigene Buch. | Bitkom, Presseinformation „Digitalisierung der Wirtschaft" vom 11.03.2026: 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, telefonisch, Kalenderwoche 2 bis 6/2026, Selbstauskunft. Dort wörtlich: 41 Prozent nutzen, 48 Prozent planen oder diskutieren, „vor einem Jahr" 17 Prozent. | Bitkom, Presseinformation „Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI" vom 14.09.2026 (KI-Studie): 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, telefonisch, Kalenderwoche 28 bis 33/2026, Selbstauskunft: 57 Prozent nutzen KI, Vorjahr 36 Prozent (Presseinformation vom 15.09.2025), 2024: 20 Prozent. Beide Reihen sind eigenständig: anderer Fragebogen, ein halbes Jahr Abstand in der Feldzeit, andere Stichprobe. Welcher Unterschied wie viel erklärt, gibt Bitkom nicht an. Die 41 Prozent im Buch sind korrekt zitiert; das Bezugsjahr der 17 Prozent ist „vor einem Jahr", nicht „vor zwei Jahren", und die Reihe wird im Buch nicht genannt. | belegt, Reihe fehlt im Zitat | 10 (23.09.2026) |
| M5 | „The number of active agents in the Microsoft 365 ecosystem has grown 15x year over year, rising to 18x in large enterprises." (Microsoft, Work Trend Index 2026, 05.05.2026) | Telemetrie auf der eigenen Plattform, Herstellerangabe. Fußnote im Original: „An agent counts as active if it has at least one day of user-initiated usage in the 28-day period or completes at least one autonomous run in that period." Die daneben veröffentlichte Befragung (20.000 Personen, Edelman Data x Intelligence im Auftrag von Microsoft) ist nicht die Quelle der Fünfzehn. | Eine unabhängige Zählung aktiver Agenten ist nicht auffindbar. Zur Einordnung, ausdrücklich keine Gegenmessung: Evaluation Microsoft 365 Copilot des britischen Department for Business and Trade (1.000 Lizenzen, Oktober bis Dezember 2024): „The evaluation did not find evidence that time savings have led to improved productivity". Die Studie misst Copilot-Produktivität, nicht die Verbreitung von Agenten. | Zählung belegt, Nutzen nicht gemessen | 11 (30.09.2026) |
| M6 | „Ab Dezember gilt Software als Produkt.“ (Lagerfeuer-Gespräch, Ausblick der Folge 11, 30.09.2026) | Eigene Aussage, geprüft am Gesetzestext. Die Richtlinie (EU) 2024/2853 zählt Software in Art. 4 Nr. 1 zu den Produkten. Der deutsche Gesetzentwurf (Bundestagsdrucksache 21/4297) nennt den 9. Dezember 2026 als Tag des Inkrafttretens; beschlossen war er am 5. Oktober 2026 nicht. Die Regeln gelten nur für Produkte, die nach dem 9. Dezember 2026 in Verkehr kommen. | Art. 5 Abs. 1 der Richtlinie: Anspruch hat „jede natürliche Person“. Art. 6 Abs. 1 c: ersetzt wird der Verlust von Daten nur, wenn sie „nicht für berufliche Zwecke verwendet werden“. § 1 des deutschen Entwurfs übernimmt beides. Zum Vergleich drei öffentliche Standardverträge (OpenAI, Anthropic, Salesforce): Die Haftung endet im Normalfall bei den Gebühren von zwölf Monaten; bei OpenAI und, für Kunden in Deutschland, bei Salesforce gilt diese Grenze nicht bei Vorsatz und grober Fahrlässigkeit. | belegt, aber irreführend dargestellt | 12 (07.10.2026) |
Alle Quellen mit Links stehen in den Shownotes der jeweiligen Folge. Abrufdatum der Quellen zu M1: 1. September 2026, zu M2: 8. September 2026, zu M3: 15. September 2026, zu M4: 21. September 2026, zu M5: 29. September 2026, zu M6: 5. Oktober 2026. Zu M2 ausdrücklich: Belegt ist, dass die Messmethode öffentlich nicht auffindbar ist, nicht, dass fehlerhaft gemessen wurde. Zu M3 ausdrücklich: Verglichen werden öffentliche Dokumente des Anbieters; das ist keine Rechtsberatung und kein Vorwurf der Täuschung. Zu M6 ausdrücklich: Geprüft wurde unser eigener Satz. Gelesen haben wir die drei Hauptverträge, keine individuell verhandelten Verträge und nicht jedes Zusatzdokument; ob eine Haftungsgrenze vor einem deutschen Gericht hält, haben wir nicht geprüft.
Urteilsskala ab Folge 12: Jede Messung endet mit einem von vier Befunden: belegt, belegt aber irreführend dargestellt, unbelegt, widerlegt. „Irreführend dargestellt“ ist unsere Wertung; die Tatsachen, auf denen sie beruht, stehen in der Zeile. Die Befunde M1 bis M5 stehen so da, wie sie gesendet wurden.
Offene Prognosen
| Nr. | Prognose | Auflösungskriterien | Stichtag | Status |
|---|---|---|---|---|
| P1 | „Auch am 1. März 2027 wird es keine von Microsoft unabhängige Studie mit Stoppuhr und Kontrollgruppe geben, die für Copilot die beworbenen 26 Minuten Ersparnis pro Tag belegt." (Folge 7, 02.09.2026) | Unabhängig heißt: ohne Microsoft-Autoren und ohne Microsoft-Finanzierung. Objektiv heißt: Zeit- oder Telemetriemessung statt Befragung. Schwelle: mindestens 26 Minuten pro Arbeitstag insgesamt. | 01.03.2027 | offen |
| P2 | „Bis zum 1. Dezember 2026 nennt Doctolib die Messmethode hinter den 80 Prozent nicht öffentlich." (Folge 8, 09.09.2026) | Eingetreten, wenn bis zum Stichtag weder auf der Produktseite noch in einer Pressemitteilung noch in einer Antwort an uns steht, womit die Dokumentationsdauer erhoben wurde, also gestoppt, aus Protokolldaten ausgelesen oder von den Teilnehmenden geschätzt. Damit dies keine beliebige Suche wird, ist der Suchraum vorab festgelegt und wird am Stichtag genau so abgearbeitet: (1) die Produktseite zum KI-Sprechstundenassistenten, (2) der Newsroom von Doctolib, (3) das Hilfe-Center des Anbieters, (4) eine Suche nach „Doctolib KI-Sprechstundenassistent Studie Methode" in einer allgemeinen Websuche, erste fünf Trefferseiten, (5) die Fachpresse E-HEALTH-COM, Ärzteblatt und Krankenhaus-IT Journal. Gefunden werden muss eine Angabe, womit erhoben wurde, also gestoppt, aus Protokolldaten ausgelesen oder von den Teilnehmenden berichtet. Eine bloße Wiederholung von Zeitraum und Stichprobe genügt nicht. Nicht eingetreten ist der bessere Ausgang. | 01.12.2026 | offen |
| P3 | „Am 17. Dezember 2026 entscheidet der Bundesgerichtshof im Fall LAION (I ZR 281/25) nicht abschließend, sondern legt dem Europäischen Gerichtshof Fragen zum Text und Data Mining vor." (Folge 9, 16.09.2026) | Eingetreten, wenn der Bundesgerichtshof am Verkündungstermin ein Vorabentscheidungsersuchen an den Europäischen Gerichtshof beschließt, auch wenn es nur einen Teil der Fragen betrifft. Nicht eingetreten, wenn er in der Sache selbst entscheidet. Wird der Termin verschoben, lösen wir am neuen Termin auf; liegt bis zum 31.03.2027 keine Entscheidung vor, melden wir die Prognose als offen. Quelle der Auflösung: Pressemitteilung oder Terminseite des Bundesgerichtshofs. | 17.12.2026 | offen |
| P4 | „In der Bitkom-KI-Studie im September 2027 schätzen weiterhin mehr als 50 Prozent der Unternehmen die KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten als gering ein." (Folge 10, 23.09.2026; Ausgangswert 66 Prozent in der Presseinformation vom 14.09.2026) | Eingetreten, wenn in der Bitkom-Presseinformation zur KI-Studie 2027 der Anteil der Unternehmen, die die KI-Kompetenzen ihrer Beschäftigten als gering einschätzen, über 50 Prozent liegt. Nicht eingetreten bei 50 Prozent oder weniger. Suchraum ist ausschließlich diese eine Presseinformation. Stellt Bitkom die Frage anders oder gar nicht, gilt die Prognose als nicht auflösbar, und niemand hat gewonnen. Liegt bis zum 31.10.2027 keine Presseinformation vor, melden wir die Prognose als offen. | 30.09.2027 | offen |
| P5 | „Bis Ende Juni 2027 veröffentlicht Microsoft einen Work Trend Index 2027. Er meldet wieder ein Wachstum aktiver Agenten und zählt als aktiv weiterhin schon einen einzigen Lauf in 28 Tagen." (Folge 11, 30.09.2026) | Eingetreten, wenn der Work Trend Index 2027 eine Wachstumszahl aktiver Agenten nennt und die Definition unverändert ist (ein Tag nutzerinitiierter Nutzung oder ein autonomer Lauf in 28 Tagen). Nicht eingetreten, wenn die Definition verschärft wird oder die Wachstumszahl entfällt. Suchraum ist vorab festgelegt: die Work-Trend-Index-Seite 2027 unter microsoft.com/worklab und das zugehörige PDF, gesucht wird nach „active agent" und der Definitionsfußnote. Erscheint bis zum Stichtag kein Work Trend Index 2027, gilt die Prognose als nicht auflösbar. | 30.06.2027 | offen |
| P6 | „Bis Ende Juni nächsten Jahres hebt keiner der drei Anbieter die Grenze von zwölf Monatsgebühren in seinen Standardbedingungen an. Und keiner sagt darin zu, für Schäden durch seinen Agenten einzustehen.“ (Folge 12, 07.10.2026) | Suchraum, am Stichtag unverändert abzurufen: OpenAI Services Agreement, Anthropic Commercial Terms of Service, Salesforce Main Services Agreement samt Abschnitt für Kunden in Deutschland (Links in den Shownotes der Folge 12). Eingetreten: Die Zwölf-Monats-Grenze steht in allen drei Dokumenten unverändert, und keines enthält eine Zusage für Schäden durch Handlungen eines Agenten. Nicht eingetreten: Ein Anbieter ändert eines von beiden. Nicht auflösbar: Ein Dokument ist nicht mehr öffentlich abrufbar. | 30.06.2027 | offen |
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Ihr KI-Anbieter verspricht Minuten, Prozente oder ein Vielfaches an Produktivität? Schicken Sie uns das Versprechen, gern per E-Mail oder auf LinkedIn. Wir suchen uns jede Woche eines zum Nachmessen aus. Ein Anspruch auf Prüfung besteht nicht, und für alles, was über öffentliche Dokumentation und eigene Messung hinausgeht, gelten die Regeln sorgfältiger Berichterstattung.